ANITA Törn A6 / 2006
Tromsø – Spitzbergen
29.6. bis 16.7.2006
Skipper: Andreas Neuman

Diese Reise wurde mit einer Goldenen Plakette der Kreuzerabteilung ausgezeichnet.

 Vor dem Auslaufen

Am Donnerstag, den 29. Juni erfolgt die Anreise. Nachdem uns die Vorcrew gerade mal ein (!) Bier hinterlassen hatte, das auch noch alkoholfrei war, besorgen Thomas und ich, die am Nachmittag als Erste in Tromsø ankommen, erst einmal einen Willkommensschluck und ein paar frisch gefangene Krabben für die Crew.

Am Freitag die üblichen Mühen des Ausrüstens. Es wird aus- und eingestaut, gepackt und geschuftet, alles bei herrlichem Sonnenschein. Timm verbringt den Tag in den Masten, denn ein beschädigtes Stb-Backstag muss ausgetauscht werden, und der Besan wird ausnahmsweise auch mal inspiziert.

Wir besuchen das meteorologische Institut, die Wetteraussichten sind gut: leichte bis mittlere Winde aus S bis W, vielleicht etwas Nebel. Die Packeisgrenze ist ja schon weit in den Norden ausgewandert (82° und höher) und macht uns keinen Ärger, aber einige Treibeisfelder, die sich an der Ostküste Spitzbergens gebildet haben, ziehen mit der Strömung ums Südkap herum und die Westküste hoch, wo sie die Einfahrt des Hornsunds blockieren. Wir hoffen, dass das Eis nicht wegschmilzt, bis wir dort oben ankommen, denn ein bisschen Eis sehen, das möchten wir ja schon.

 Leinen los

Samstag, der 1. Juli. Um 7:00 Uhr klingelt der Wecker. Bei strahlendem Sonnenschein und leider auch völliger Windstille machen wir das Schiff auslaufklar. Noch eine ausführliche Sicherheitseinweisung, dann legen wir im Dinghi-Schlepp ab. Wir haben das Timing so gewählt, dass der Tidenstrom mithilft, uns durch die große Brücke von Tromsø zu ziehen. Die ersten 20 sm begleitet uns das Tuckern des Außenborders, dann erst können wir Segel setzen und ziehen mit 7 kn durch das glatte Wasser der Fjorde. Da wir in den Innenfjorden doch häufiger Windstille befürchten, ergibt eine kurzes Meinungsbild der Crew: wir lassen Hammerfest Hammerfest sein und steuern lieber direkt, und dafür unter Segeln, die Bäreninsel an.

 Die Überfahrt nach Bjørnøya

In Landnähe ist es zunächst noch warm und schwachwindig. Man freut sich über die hervorragend temperierten Bierchen aus der Bilge und lässt die Überfahrt gemütlich angehen. Doch dann beginnt die Bord- und Wachroutine. Die Tage fließen ineinander, und das Ausbleiben der Dunkelheit unterstützt noch die Verwirrung. Es fühlt sich jetzt wirklich nach Polarmeer an. Wer von seiner Wache kommt, freut sich über ein warmes Essen, das Dank unserem Smut immer bereitsteht und geht dann in seine Koje, um warm zu werden und ein wenig zu schlafen.

Am Dienstag früh kommt Bjørnøya, die Bäreninsel, in Sicht. Doch es dauert noch bis zum Nachmittag, bis wir den Anker in der Nordhamna, einer sandstrandgesäumten Bucht vor der dortigen meteorologischen Station, werfen können. Auf unserer Erkundungstour sehen wir zuerst vier Polarhunde, dann den Mann, der sie füttert. Sie ist also doch bewohnt! Die Hunde dienen im Winter als Eisbärenmelder. Im Eingang der Station, die wie ein gemütliches Wohnzimmer mit Kamin, Bücherregalen und Ledersesseln eingerichtet ist, steht in mehrfacher Ausfertigung alles bereit, was man auf Bjørnøya zum aus dem Haus gehen eben so benötigt: schwere Stiefel, Funkgerät, Gewehr.

Im Gespräch stellt sich heraus, dass die Stationsmitglieder per Fernglas schon unser Funkrufzeichen gelesen und Anita schon im Schiffsregister nachgeschlagen hatten. Sie wussten sogar schon, dass wir ohne Maschine unterwegs sind. Diesem Umstand haben wir es wohl auch zu verdanken, dass wir eine sehr großzügige Gastfreundschaft erfahren durften, denn ansonsten geht die Station lieber ihrer Arbeit nach, als die im Sommer häufig zu Besuch kommenden Yachten zu empfangen.

 Des Teufels Tanzboden

So nennt man angeblich das Seegebiet zwischen dem norwegischen Festland und Spitzbergen. Für uns macht es diesem Namen jedoch nicht die Ehre, denn wir haben eher mit zu wenig als zu viel Wind zu kämpfen. Als Abschiedsgruß von Bjørnøya bekommen wir noch einen Wetterbericht und einen Funkspruch von Finn mit "ergänzenden Informationen" zur Eislage um das Südkap Spitzbergens herum. Dort sollen immer noch die von der Ostküste herumgezogenen Treibeisfelder vor der Einfahrt des Hornsunds lagern.

Die Wassertemperaturen in diesem Gebiet schwanken erheblich, je nachdem, ob die Strömung eher kaltes Wasser aus der Barentsee oder einen warmen letzten Ausläufer des Golfstroms heranführt. Während einer vierstündigen Wache haben wir Temperaturschwankungen von 9 auf 4 Grad erlebt.

Im Nebel lassen wir trotz seines Stromverbrauchs das Radar auf Standby und überprüfen alle 12 Minuten den Seeraum. Kontakte, die uns nahe kommen, sprechen wir über Funk an ("vessel at approximate position ...") und stimmen unsere Manöver ab. Am Freitag, den 7. Juli sehen wir erst einige Tümmler, dann die ersten einzelnen kleinen Eisstücke.

 Treibeis

Am Samstag Morgen kommen wir in ein erstes lockeres Treibeisfeld. Mit dem Bootshaken prüfen wir die Härte: es ist kein weiches See-Eis, sondern hartes gefrorenes Süßwasser, Abbruchstücke aus den Gletschern der Ostküste. Vorsichtig manövrieren wir durch die Eisstücke hindurch, dichtere Gebiete umfahren wir.

Vor dem Torellbreen, einem zum Meer hin abfallenden Gletscher, erstreckt sich eine solide Eisschicht von ca. 15 sm Länge, an die wir bis auf etwa 1 sm heranfahren, um den Anblick der in der Sonne funkelnden Eisdecke zu genießen. Als die tief hängenden Wolken die Sicht auf Land freigeben, haben wir einen herrlichen Aus- und Anblick.

Da die Wetterprognosen, mit denen wir ja ständig versorgt sind, für Sonntag Flaute vorhersagen, verzichten wir auf Abstecher in die südlich liegenden Fjorde und versuchen, mit dem Restwind Longyearbyen zu erreichen.

 Im Isfjord

Die kompakte Eisschicht, die wir vor dem Bellsund vorfinden, hätte uns auch keine Möglichkeit zu Ausflügen in den Fjord gelassen. Später erfahren wir, dass an ihr sogar der Kohledampfer gescheitert war und auf das Aufbrechen des Eises warten musste.

Spannend wird es dann am nächsten Morgen, als wir feststellen, dass sich auch vor die Einfahrt zum Isfjord eine lockere Eisschicht gelegt hat. Wir fahren einige Meilen an seiner Kante entlang, bis wir eine etwas schmalere und weniger dichte Stelle finden, die wir durchfahren können. Zum Glück haben wir nur sehr schwachen Wind, so dass wir mit langsamster Fahrt im Zickzack hindurchmanövrieren können. Als der Wind dann ganz ausbleibt, bringen wir das Dinghi aus, um die Manövrierfähigkeit zu erhalten.

Dann aber liegt der Isfjord vor uns. Die Wolken reißen auf, und bald ziehen wir mit Schmetterling-Besegelung bei schönstem Sonnenschein und grandioser Sicht auf die zum Wasser reichenden Gletscher und schroffen Bergflanken durchs Wasser.

Der Isfjord ist lang – es wird Abend, bis wir bei immer noch schönster Sonne Longyearbyen erreichen. Die wenigen vorhandenen Gastliegeplätze (es gibt nur einen kleinen Steg) sind belegt, und bald wird klar, dass wir wohl vor Anker gehen müssen. Es folgen Mitternachtssonne auf dem Vordeck und ein langer Abend in der Messe, mit dem wir unser zweites Etappenziel nach der Bäreninsel feiern.

Sonntag ist Hafentag: ausschlafen, Städtchen anschauen, nachbunkern und nach 7 Tagen endlich mal wieder unter die Dusche – die einfachen Freuden des Segelns in vollen Zügen genießen. Ach ja, Arbeit gab's auch, denn die Wassertanks mussten wir vor Anker natürlich mit etlichen Dinghifahrten und zwei 20 l Kanistern füllen.

 Weiter nach Ny Ålesund

Am Montag, den 10. Juli geht es in aller Frühe Anker auf und in Richtung Norden weiter. Kaum sind wir aus dem Adventfjord heraus, lässt Rasmus uns schmählich im Stich und wir dümpeln einen halben Tag bei schäbigem Wetter vor uns hin, bevor wir wieder halbwegs anständigen Segelwind bekommen.

Im Forlandsund, der Innenpassage zwischen dem Prins-Karls-Forland und dem Hauptteil der Insel, soll noch immer Eis liegen. Wir hatten aber ohnehin zuvor schon entschieden, dass uns die Engstelle am Nordende (eine unmarkierte schmale Fahrrinne von 3 m Tiefe) angesichts des Tidenstroms von bis zu 3 kn zu heiß ist, und so wird die Entscheidung zur Außenroute nochmals bekräftigt.

In der Nacht kommen wir gut voran, und am Vormittag erreichen wir die Nordhuk des Prins-Karls-Forlands. Dort reißt die Wolkendecke auf und wir werden mit einer herrlichen Aussicht auf die den Kongsfjord säumenden majestätischen Gletscher belohnt. Die Düse des Forlandsunds gibt uns noch einmal kräftig Schub, und so kommen wir nach einem kurzen Umweg zum 79. Breitengrad und einem Beweisfoto am Nachmittag in Ny Ålesund an.

 In der nördlichsten Siedlung der Welt

Nach einer Führung durch die Siedlung wohnen wir am Mittwoch dem Start eines Wetterballons bei und machen einen Ausflug in eine nahe gelegene Hütte (vorschriftsmäßig geführt mit geladenem Gewehr gegen eventuell umherziehende hungrige Eisbären), wo wir im Kanonenofen ein Feuerchen machen und es uns bei heißem Kakao gemütlich machen. Am Abend besuchen wir die nördlichste Bar der Welt, das "Mellageret Kafé".

 Auf Südkurs

In der Nacht hat sich ein großes Treibeisfeld vom Gletscher gelöst und ist langsam mit dem Strom in den Kongsfjord hinausgetrieben. Wir legen im Dinghi-Schlepp bei völliger Windstille am Donnerstag, den 13. Juli, morgens ab und fahren durch skurrile Eisbrocken im Zickzack hindurch. Die Rückfahrt nach Longyearbyen wird zur Geduldsprobe. Für kurze Zeit bekommen wir am Ende des Kongsfjords ein bis zwei Windstärken, aber dann legt sich Rasmus ganz schlafen. Nebel und Nieselregen kommen zeitweise dazu, und für die paar Meilen entlang des Prins-Karls-Forlands brauchen wir gut 14 Stunden. Zu alledem setzt uns ein schwacher Strom nach Norden.

Aber Anita segeln lehrt ja Geduld, und irgendwann kommt der Wind immer. Freitag Nachmittag sind wir wieder flott, runden die Südspitze von Prins-Karls-Forland und laufen erneut, diesmal ohne Eisprobleme, in den Isfjord ein. Wir müssen am Nachmittag aufkreuzen, um in Richtung Adventsfjord Höhe zu machen.

Um 5.30 Uhr fällt schließlich am Samstag, den 15. Juli, der Anker. Erschöpft, aber froh, dass Schiff und Crew alles gut überstanden haben. Den Anleger (oder spricht man hier besser vom Ankerfaller?) haben wir jedenfalls der passenden Temperaturen wegen mit einer Flasche Jubi erledigt.

 Reinschiff und andere Katastrophen

Nachdem die Aufgaben für Reinschiff innen und außen verteilt sind, geht die übliche Schufterei am Törnende los. Dank des guten Wetters können wir ordentlich sauber machen.

Mit unzähligen Dinghifahrten werden die Wassertanks gefüllt, und natürlich wollen wir für unsere Nachfolger auch die Batterien voll laden und werfen daher den Generator an. Dann passiert es: erst geht er wegen fehlendem Ölstand aus, obwohl wir erst vor kurzem nachgesehen und nachgefüllt hatten, beim erneuten Starten nach erneuter Ölzugabe fliegt uns ein Sicherungsventil aus dem Kurbelwellengehäuse, zum Auspuff kommt weißer Rauch heraus, mit Wasser vermischtes Öl spritzt aus dem Motor. Da die vorigen Crews Probleme mit einem Leck im Kühlwasserschlauch und defekten Impellern des Kühlwasserkreislaufs hatten, ist vermutlich durch die Überhitzung der Motorblock gerissen. Nach kurzer telefonischer Rücksprache mit K.-L. Sattler sehen wir zu, woher wir einen Ersatz in Form eines kleinen tragbaren Stromerzeugers bekommen. Am Samstag Nachmittag schaffen wir es zwar nicht mehr selbst, aber zumindest können wir der nächsten Crew einen Laden nennen, wo sie am Montag einen solchen dann auch gefunden hat.

Nach 901 sm geht ein zwar kalter und beizeiten ungemütlicher, aber an beeindruckenden Bildern und Erlebnissen außerordentlich reicher Törn zu Ende. Meiner Crew sage ich herzlichen Dank für ihren Einsatz, ihre gute Laune und ihre Verrücktheit, so eine Reise mitgemacht zu haben.

 München, den 24.7.2006

 (Andreas Neumann)