67°N
Törn A8/2006
Skipper: Dr. Karl-Ludwig Sattler

 In der letzten Juli-Woche erhielt ich die Information, ICELANDAIR habe uns kurzerhand von Dienstag 14.00 Uhr auf Montag 22.45 Uhr umgebucht. Also: Treffpunkt 1. August 21.00 Uhr in Frankfurt am Schalter.

Dienstag, 01. August: Der Schalter der ICELANDAIR befindet sich am hinteren Ende des Terminals II. Davor eine lange Schlange von Flug-"Gästen", die halbwegs bis ins Freie reicht. In der Halle steht die Luft. Die Klimaanlage zu betreiben ist der Firma Fraport wohl zu teuer. Die Grenzschützer machen sich ungemein wichtig. Eine Dose Polyesterspachtel mitten im Seesack bedroht die Sicherheit! Das Einchecken dauert lange, denn jeder muß persönlich sein Gepäck vorlegen und sich ausweisen. Unsere Absicht und Hoffnung, nach der Passkontrolle geruhsam etwas trinken zu können verfliegt, denn alles ist geschlossen – Weltflughafen!

Die Weiterreise von Keflavik nach Husavik ließ sich von hier aus nicht organisieren. Es war also noch ungeklärt, wie es um 1.00 Uhr Ortszeit weitergeht. Es ging sogar sehr gut weiter, denn: Andreas nahm die Idee "wir fragen die Stewardeß" wörtlich. Er kam mit einer jungen Frau ins Gespräch. Sie -tätig im diplomatischen Dienst Islands und auf Heimreise- vermittelt uns eine Telefonnummer in Reykjavik. Kurzum: Mittwoch, 02. August um 1.00 Uhr nachts erwartet uns ein Bus mit Fahrer. So(!) muß etwas laufen. Für 1000€ bringt er uns 650 km weit bis an die Pier. In Keflavik, im Süden der Insel, war es fast völlig dunkel. Weiter nördlich wird es so hell, dass man Lust hätte, immer wieder anzuhalten, um die faszinierend-großartige Landschaft zu bewundern. Der Wunsch an Bord zu kommen, ist in diesen Fällen immer größer. Kurz vor 7.00 Uhr sind wir da. Ein Teil von Achims Crew steht schon parat, denn deren Linienbus fährt um 7.15 Uhr.

Obwohl wir eigentlich total übernächtigt sind, machen sich alle darüber her, das Schiff seeklar zu machen. Draußen -wo ist das hier eigentlich?- ist es neblig. So gegen 10.00 Uhr hebt sich der Nebel und gibt den Blick frei. Schwarze Berge mit weißen Eis- und Schneefeldern bedeckt, darüber ein wolkenloser Himmel. So stand es im Prospekt! Das Wetter gestattet es, ANITA auszuräumen, denn innen ist alles feucht: alle Segel aus dem Vorschiff, alle Polster und Matratzen an Deck, die Achterlast wird leer geräumt.

 

Nicht weit von ANITA liegt die DAGMAR AAEN von Arved Fuchs. Achim hatte schon Kontakt mit ihm aufgenommen. Er hat das gleiche Ziel (nur wesentlich mehr Zeit). Von Arved erhalten wir die neuesten Eislagekarten der Grönlandküste. 3/10 sind nicht wenig, vor allem kommt es auf die Eisqualität an. Hinfahren und selber schauen!

Am Nachmittag kommen die Lebensmittel, die wir vorausgeschickt haben. Irgendwann ist "die Luft raus", die Crew verschwindet schon früh am Abend in den Kojen.

Donnerstag, 03. August: Bei weiterhin herrlichem Wetter setzen wir die Arbeit fort. Ich montiere die Kamera oben im Mast, wir inspizieren die defekte 12V-Tauchpumpe. Sie läßt sich nicht in Gang setzen, die Reservepumpe ist völlig defekt. Kein Problem, eine neue zu bestellen. Sie wird zwar erst morgen geliefert, aber wir liegen bestens in der Zeit. Mittags trifft Rainer ein, abends Hanno. Beide haben schon ein paar Tage Island erkundet. Die Crew ist damit vollzählig. Mittags hatte der Schiffshändler die bestellte Ware gebracht. Die beiden Lieferanten waren schon wieder weg, als sich herausstellte, daß von der bestellten Ware zum Teil Riesenmengen geliefert worden waren. Auch das ließ sich lösen. Ein Anruf beim sehr hilfsbereiten Páll Arnar von Frilager und der Überschuß wurde umgehend wieder abgeholt.

Freitag, 04.August: Ungewöhnlich warmes Wetter, Südwind 4..5 Bft. Wir nehmen uns Zeit für die Creweinweisung. Insgesamt ein ruhiger Tag, wir warten noch auf die Lenzpumpe. Arved Fuchs gibt uns den neuesten Eisreport. Größte Vorsicht ist geboten, die Aussichten sind eher schlecht, aber die Eislage ist in Scoresbysund besser als in Angmagssalik. DAGMAR AAEN läuft gegen 16.00 Uhr aus. –Die Lenzpumpe ist eingebaut, auf ANITA heißt es um 19.45 Uhr "Leinen los".

Anfangs leichter Wind. Doch wir widerstehen der Versuchung, die Reffs auszuschütten. Draußen ist deutlich mehr Wind. ANITA macht gut Fahrt, nur die Richtung könnte idealer sein. Es ist kalt.

Samstag, 05. August: Während der Nacht wird der Wind schwach und bleibt es. Das Schiff rollt in der alten Dünung, die Segel flappen müde hin und her. Nebel. Mit Schleichfahrt überqueren wir um 8.50 Uhr auf 017° 53W den Polarkreis. Ab und an sieht man ein wenig von Grimsey. Mittags kommt ein wenig Sonne. Luft 12°C.

1981 hatten wir hier Treibeis! Ob wir es bei diesen Verhältnissen bis zur Eiskante schaffen? Jedenfalls hält uns die Flaute fest bis nach Mitternacht.

Sonntag, 06. August: Allmählich kommt Wind, erst NE, dann NNE, bei Wachwechsel um 4.00 Uhr haben wir N4, die Stärke wäre in Ordnung, der Kurs ist es nicht. Der Wind legt weiter zu, das Groß fällt. Um 11.30 Uhr –wir legen gerade die Sturmfock klar- reißt das Bb-Fockfall. Segel bergen und setzen dauert seine Zeit, die Sturmfock geht am Stb-Fall hoch, ist aber nach kaum 10 Minuten auch unten.

Das Stb-Fall ist auch weg. Wie sich dann später herausstellt, ist der Topp-Schäkel weggeflogen. Es ist natürlich kein Problem, die Fock am Spi-Fall zu setzen, aber jetzt haben wir keine Reserve mehr.

 

Wir liegen zunächst beigedreht, treiben langsam auf unserer Kurslinie zurück. Die Wetterauskunft beim DWD in Hamburg: für die nächsten 8-12 Stunden weiterhin 7-8 Bft. Nur mit dem Spinnakkerfall weiterzusegeln stellt eine große Unwägbarkeit dar. Wir sind uns einig; also zurück nach Akureyri zur Reparatur. Der Zeitplan taugt natürlich nur noch für den Papierkorb. Die Fahrt platt vor dem Wind ist so, wie so etwas ist: unter Deck die chinesische Folter.

Montag, 07.August: Der Wind lässt nach und dreht auf W. Um Mittag stehen wir am Eingang zum Eyafjord. 40 sm bis Akureyri. Um 20.40 Uhr sind wir am Liegeplatz fest. Wenigstens ist es trocken.

Dienstag, 08.August:Dauerregen, das ideale Wetter für eine Reparatur! Bis wir beim Hafenmeister waren, haben Strom und Wasser und haben auch eine Firma gefunden, die Tauwerk verarbeitet (es werden Teile für Lachsfarmen hergestellt), hat der Regen aufgehört. Erste Fahrt in den Mast, Ergebnis: Bb-Fall gerissen, Stb-Fall intakt, nur ausgerauscht. Bis alles wieder funktioniert, ist der Nachmittag vorbei. Helmuts excellenter Lammbraten am Abend hebt die Stimmung.

Mittwoch, 09.August: Neuer Anlauf, 6.00 Uhr Wecken; es ist trocken, leichter Wind, gutes Wetter. 8.50 Uhr legen wir ab, nehmen das Beiboot zu Hilfe, da der Wind genau in den Fjord hineinsteht. Später kreuzen wir mit Vollzeug mit langen Schlägen Richtung Fjordausgang. Da der Wind von der offenen See her heftiger wird, bergen wir das Groß und wechseln die Fock. Kurz darauf schläft der Wind ein. –Kein Kommentar!

Donnerstag, 10.August: Gesegelte Strecke von Mitternacht bis 12.00 Uhr: Zehn Seemeilen, gigantisch. Die Windrichtung pendelt sich auf SW ein. Es ist kalt.

Freitag, 11.August: Der Wind legt nach Mitternacht stetig zu, erst NNW, später W 6, zunehmend. Wieder beidrehen, wie gehabt, den ganzen Tag von 8.30 Uhr bis 17.00 Uhr, bis Wind und Seegang nachgelassen haben. Wir sind schon zum zweiten Mal über die Linie!

Samstag, 12.August: Etwas weniger Wind ist ja schön, aber gleich so wenig? Im Logbuch steht: 4.00 Uhr motoren mit Beiboot. Den ganzen Tag über ist es bedeckt und diesig, bisweilen kommt Sprühregen, allerdings ist es wärmer geworden. Was uns voranbringt, ist der mitlaufende Strom.

Sonntag, 13. August: Kein Sonntagswetter. Schwächlicher Wind um N, später gar nichts, denn im Logbuch steht: "Kein Wind, starker Schwell". Da wir dicht unter der Küste liegen –treiben- setzen wir trotz der Dünung das Beiboot aus. Ein außerordentlicher Balance- und Kraftakt, besonders für Günter (Eigentlich müsste in der Crewliste stehen: Maschinist). Wie das so ist: das Beiboot ist kaum draußen, da stabilisiert sich der Wind und weht leicht aus W.

Montag, 14.August: Jetzt, wo wir nun letztlich zu früh am Ziel sein werden, weht ein konstanter NE4. Der Himmel hängt aber voller tiefer Wolken, der Gipfel des Snaefellsjökull bleibt verborgen. Am Spätnachmittag sind wir im Hafen, liegen außen längsseits an der "Song of the Whale", einer 20m-Slup in Diensten des WWF.

Dienstag, 15.August: Solches Wetter hätten wir draußen gebraucht: Sonne, leichter Wind. ANITA wird weitgehend ausgeräumt zum Trocknen. Die Segel im Vorschiff, der Inhalt des Achterschiffs, die Matratzen, die Polster alles ist feucht. Der ganze Tag geht darüber hin, das in Ordnung zu bringen.

Mittwoch, 16.August: Reinschiff! In vielstündiger Arbeit tilgt die gesamte Crew die Spuren des Bordlebens. Wir haben gut gelebt und wurden von Helmut ausgezeichnet bekocht (auch dank der mithilfe Gerards angelieferten heimischen Produkte!) aber nachdem auch die Pantry sauber ist, gibt’s nix fettiges mehr! Im Logbuch steht

14.00 Uhr ENDE DER REISE

 Donnerstag, 17.August: Aloys, Gerard und Rainer haben umgebucht und brechen früher auf. Die noch bleiben, nutzen die Gelegenheit für einen langen Ausflug über die Halbinsel Reykjanes (endlich nach vielen Jahren hat auch der Skipper Zeit, um mehr als nur einen Hafen auf Island zu sehen).

Freitag, 18.August: Auch heute: Sightseeing! Bei unserer Rückkehr Verblüffung, denn Michael und Hans-Jürgen sind schon eingetroffen. Sie haben einen Gast dabei, eine junge Dame, die an der Deutsch-Isländischen Handelskammer ein Praktikum absolvieren wird. Für die Nacht hat sie keine Bleibe und drei Kojen sind ja frei, keine Frage also, daß sie übernachten kann. –Unsere Restcrew beschließt den Tag mit einem gemeinsamen Abendessen in einem nahe gelegenen Restaurant.

Samstag, 19.August: Heimflug. Wecken um 4.00 Uhr, zügiger Aufbruch. Mit den beiden Autos fahren wir die 45 km bis Keflavik. An der Abflughalle herrscht gewaltiges Gedränge, die Massen stauen sich schon unmittelbar hinter der Tür (Ein ganz großes, herzliches Dankeschön an Hanno, der das eine Auto an die Rücknahmestelle gebracht hat!). Mit den Massen bewegen auch wir uns Richtung Schalter. Die Seesäcke sind weg, nur noch das Handgepäck ist da. Bei der Frage: "hat jeder seins?" stellen wir fest, dass wir zwei Stücke zu viel haben, eine Tasche mit einer Videokamera und einen Rucksack. Nach einigem Hin und Her und einigen Telefonaten und SMS-Nachrichten ist auch der Fall geklärt. Die freundliche Dame vom Lost and Found-Schalter nimmt auf verblüffend unbürokratische Weise die beiden Stücke entgegen. Die ankommende Crew wird sie später am Tag holen. –Heimflug in einer knüppeldick besetzten Maschine.

 Das was eigentlich der Reiz der Reise hätte sein sollen und auch der Höhepunkt –wenigstens das Eis vor Grönland zu sehen- das haben wir nicht geschafft. Momente die es wert sind, in Erinnerung zu bleiben, gab es trotzdem.

 Was mir bleibt: Jedem von Euch für seinen Einsatz vor, während und nach dem Törn herzlich DANKE zu sagen!

Schwegenheim, 12.Sepember 2006

Hier noch einige Bilder der Reise
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