Reisebericht Törn A10 "ANITA" Edinburgh - Laboe

Skipper: Helmut Brücker

 

"Es bleibt alles anders…" – Dieser Liedtext von Herbert Grönemeyer passt recht gut auf das, was wir auf dem letzten Törn der Nordlandkette erlebt haben.

Wir haben das Schiff von Michael, der mit der Anita von Island über die Färöer kommend in Edinburgh Granton festgemacht hatte, übernommen.

Die alte Dame lag im Hafen Granton an einer Schwimmpier, so dass kein Problem mit dem dort vorhandenen Tidenhub von sicherlich fast 5 m gab. Bei Niedrigwasser fielen mehr als ¾ dieses Hafens, in dem sich ausschließlich Sportboote befinden, trocken; nur ein schmaler Streifen an dieser Schwimmpier verblieb "gewässert". Anita steckte dann gut 1 m tief im Schlick und das "Schiffsgefühl" kam nur bei Hochwasser auf. Die meiste Zeit stand das Schiff wie angewurzelt.

Einige Crewmitglieder, soweit sie nicht bereits schon bei Michael an Bord waren, reisten schon vor dem 10. September an. So bestand Gelegenheit, die Altstadt von Edinburgh zu besuchen. Vom Hafen Granton aus existiert eine im 20-Minuten-Takt fahrende Busverbindung.

Edinburgh ist außerordentlich beeindruckend. Große Teile der Innenstadt sind im neugotischen Stil erbaut, und dies passt ausgezeichnet zu den wesentlich älteren, gut erhaltenen bzw. restaurierten Bauwerken. Insgesamt ergibt sich hieraus ein malerisches Stadtbild.

Gegen 06:00 Uhr am 11. September 2006 sind wir im Schlepp der "Gummiwurst" bei Hochwasser aus Granton ausgelaufen. Das Wetter war perfekt – es fehlte lediglich der Wind. Bis zum Abend regte sich kein Lufthauch, so dass wir vor der Isle of May auf Wind warten mussten, von einem neugierigen Seehund beäugt. Leichtes Kräuseln auf der bis dahin spiegelglatten Wasserfläche zeigte schließlich aufkommenden Wind an und Anita nahm rasch Fahrt auf, mit Kurs 73 ° in Richtung auf die Südspitze Norwegens. Der Wind pendelte sich auf Süd ein und bei einbrechender Dunkelheit rauschte Anita mit rund 8 Knoten Fahrt auf das erste Ziel zu. Dies sollte Mandal in Südnorwegen sein.

Nach etwa weiteren 24 Stunden bei immer noch guter Fahrt, aber langsam rückdrehenden Wind mit Stärken von rund 4 Beaufort tauchten die ersten, gewaltigen Bohrinseln des britischen Ölfeldes auf. Mit einer leichten Slalomfahrt wurden sie in gehörigem Abstand passiert, wobei auch die "Wachhunde", also die Bohrinselversorger, in der Nähe jeder der Inseln auf die Einhaltung des Abstandes geachtet haben. In der darauf folgenden Nacht fingen wir eine Sicherheitsmeldung auf, die besagte, dass sich eine Messboje mit 270 m Leine losgerissen habe und man versuche, diese einzufangen. Wir wurden kurz darauf auch durch den Bohrinselversorger der diesen Funkspruch abgesetzt hatte, angesprochen und haben dem Rat entsprechend den Kurs nach Süden geändert, um der treibenden Boje sicher zu entgehen.

Nach rund 55 Stunden – inzwischen hatten uns einige Delfine begleitet - waren Leuchtfeuer der norwegischen Küste zu erkennen. Mittlerweile hatten wir immer etwas weiter abfallen müssen, weil der Wind inzwischen aus Südost wehte. In rund 15 Meilen Abstand von der norwegischen Küste wurde der Kurs auf Süd geändert, um dann, wie wir hofften, Mandal beim nächsten Schlag anlaufen zu können.

Hieraus wurde leider nichts. Im Westausgang des Skagerrak stand eine außerordentlich grobe See und der Wind hatte mittlerweile, fast genau aus Ost wehend, erheblich zugenommen. Bei 8 Beaufort und Böen von sicherlich 10 Beaufort erwies sich der Versuch, den Skagerrak ostwärts zu passieren, als unmöglich. Der Wendewinkel wurde so groß, dass kaum noch Höhe zum Ziel gemacht werden konnte und Anita wurde durch den Seegang mächtig zusammengestaucht. Schweren Herzens mussten wir uns daher entschließen, unser Vorhaben, direkt über Südnorwegen die schwedische Schärenküste anzulaufen, aufzugeben. Am Morgen lag Anita auf Südkurs Richtung Helgoland, dass wir dann nach rund 4 Tagen auf See am späten Nachmittag erreicht haben. Es war schon ein schönes Gefühl, die vertraute Felsenkulisse vor sich auftauchen zu sehen. Ein Schoner, der im Seegebiet um Helgoland mit Tauchern unterwegs war, erklärte sich spontan bereit, uns am Ende der Durchfahrt zwischen der Düne und dem Felsen in Schlepp zu nehmen. Im Vorhafen längseits genommen verholten wir dann so an die Spundwand-Pier des Südhafens.

Schon kurze Zeit später hatten alle die guten Sanitäreinrichtungen am Südhafen aufgesucht. Der leichte Pumakäfig-Geruch war aus dem Schiff verschwunden…

Drei volle Tage waren wir Felsenbewohner. Erst am Dienstag bestand die Möglichkeit, im Schlepp durch den Nordostsee-Kanal nach Kiel zu gehen, weil "Gunilla" bis dahin anderweitig beschäftigt war.

Sicher gibt es schlechtere Orte um irgendwo hängen zu bleiben. Das Wetter spielte mit und einige aus unserer Crew verschwanden sofort am nächsten Tag zum Baden auf die Düne. Eine besondere Schau sind die kurz nach Einsetzen der Ebbe am Strand liegenden Robben, die menschliche Badegäste bis auf wenige Meter heran lassen und sie sogar gelegentlich ins Wasser begleiten.

Andere erwanderten das Oberland, genossen das brüllende touristische Leben und die himmlische Ruhe, nachdem die Butterdampfer abgefahren waren.

Anita war nach fünf Jahren mal wieder auf Helgoland. Um so größer war die Freude unserer Agentin Gundi Steitz, als die ganze Crew mit einem Blumenstrauß bewaffnet (es ist gar nicht so einfach auf Helgoland anständige frische Blumen zu kaufen!) bei ihr in der Düne-Süd auftauchte. Es war ein netter Abend!

Ebenfalls sehr interessant war der Besuch auf dem Seenotkreuzer Hermann Marwede, Prunkstück der DGzRS-Flotte. Wir wurden sehr freundlich aufgenommen und habe eine ausführliche Führung in alle Bereiche des Schiffes erhalten.

Um Mitternacht von Montag auf Dienstag ging es durch die deutsche Bucht in die Elbe und wir wurden vor Brunsbüttel von Gunilla wie geplant auf den Haken genommen. Leider reichte die Tagesfahrtzeit nicht aus, um den NOK "in einem Rutsch" zu passieren, so dass wir Station in Rendsburg gemacht haben. Rendsburg hat eine sehr ansprechende Altstadt und wir haben direkt am Markt eine traditionelle Lokalität mit gutem Essen und kühlen Getränkten gefunden.

Die restliche NOK-Durchfahrt ging rasch und es verblieb noch ein schöner Segeltag in der Kieler Förde. Was für herrliche Spätsommertage – immer noch schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Anlegen unter Segel in Laboe an dem Steg, der nun langsam in "Anita-Pier" umgetauft werden müsste. Das Ende unserer Reise war da und dies war gleichzeitig der glückliche Abschluss der Nordlandkette.

Stolz wehten die Flaggen der besuchten Länder unter der Steuerbordsaling.

Sicherlich, wir waren enttäuscht, dass wir wegen des widrigen Wetters Südnorwegen und Schweden nicht erreicht haben. Aber in der Rückschau waren wir uns alle einig: Es war trotzdem schön!

Gesegelt wurden 772 sm.

 

 

Helmut Brücker