Törnbericht ANITA A 5 (a)
von Kristiansund nach Bodö
vom 12.06. bis 18.06.2006

Skipper: Helmut Brücker
035 a die Crew mit Helmut Brücker.JPG (476203 Byte)

Ursprünglich war geplant, den Törn A 5 2006 "ungeteilt" von Kristiansund nach Tromsö durchzuführen. Durch den Ausfall des hierfür vorgesehenen Skippers wurde die Schiffsführung neu besetzt und der Törn (wegen Zeitmangels der beiden Skipper) in zwei Teilabschnitten durchgeführt.

Als "Wechselpunkt" für die Skipper war Bodö vorgesehen, am 18.06.2006.

Ich bin mit einem stark verspäteten Flug (rund 4 Stunden wegen Fluglotsenstreiks in Norwegen) gegen 23:30 Uhr von Oslo kommend in Kristiansund angekommen. Der Flughafen dort liegt lediglich 4 km außerhalb des Stadtzentrums. In der selben Maschine waren schon zwei Mitsegler (Lothar Gerhardt und Nathanael Kroll). Während des Wartens in Oslo hat uns eine deutsche Studentin angesprochen, die ebenfalls nach Kristiansund fliegen wollte und die befürchtete wegen der Verspätung des Fluges von Kristiansund aus ihren Zielort auf einer Nachbarinsel nicht mehr erreichen zu können. "Sabrina" wurde von ihrem Freund am Flughafen in Kristiansund abgeholt und dieser erklärte sich spontan bereit, uns mit seinem Privatwagen zur ANITA zu fahren.

Die Vorcrew hatte das Schiff an der Kaianlage im Stadtzentrum festgemacht (Westseite des nahezu "sternförmigen" Naturhafens).

Eine kurze Inspektion der Vorräte ergab, dass wir bis zu der Möglichkeit, am nächsten Tag erstmalig einkaufen zu gehen, nicht hungern oder dürsten mussten. Sabrina und ihr Freund stellten fest, dass es ihnen nicht mehr gelingen würde, noch am selben Tag mit der Fähre auf die Nachbarinsel überzusetzen und wir haben sie daraufhin eingeladen, die Nacht über bei uns an Bord zu bleiben. Spontan entwickelte sich hieraus eine kleine "nächtliche" Party an Deck. Jedes Gefühl für die Tages- bzw. Nachtzeit war verloren gegangen. Es war taghell und obwohl Mitternacht, war der an der Kaimauer vorbeiführende Bürgersteig noch recht belebt und jüngere Norweger nutzten die Gelegenheit, ihre tiefergelegten BMW’s und "heißgemachten" Motorroller ausgiebig auf der Kaistraße zu testen und einem zunächst staunenden, dann aber auch zunehmend genervten Publikum vorzuführen.

Es blieb natürlich nicht aus, dass wir von den Passanten auch nach "German Beer" gefragt wurden… selbstverständlich erwies sich ANITA als gastfreundlich!

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Am nächsten Tag, also am Montag, wurde der Liegeplatz der ANITA spontan zu einer Autobushaltestelle: Der Busfahrer hatte wohl bei seiner Frage nach dem Ziel von den anreisenden Mitseglern nur den Namen "ANITA" zu hören bekommen und er setzte tatsächlich die Mitsegler unmittelbar am Kai, genau neben dem Schiff, ab – eine Unkompliziertheit und Freundlichkeit, die uns erstaunt hat und die wir so in Deutschland nicht für möglich halten. Wir drei aus der Vorcrew hatten den Montag bis dahin schon genutzt und uns für die Reise nach Bodö verproviantiert sowie den defekten Abgasschlauch am Generator ausgetauscht.

Auch der Montagabend wurde lang und im Grunde nur dadurch beendet, dass es uns schließlich nicht mehr gelang, die übermüdeten Augen offen zu halten.

Ich hatte inzwischen das Schiff technisch überprüft und dabei auch mittels Bootsmannsstuhl das Rigg untersucht. Hierbei stellte sich heraus, dass das Backstag am oberen Ende, also am Terminal in Höhe der Jumpstagspreize, teilweise gebrochen war. Vier Drähte standen aus der Verpressung heraus und es war somit offensichtlich, dass das Backstag nicht mehr die volle Bruchlast aufweisen konnte. Damit stand sowohl fest, dass das Großsegel höchstens bei leichtem Wind würde gesetzt werden können und das nur eine kleinere Fock gefahren werden konnte. Der eingeholte Wetterbericht ließ Wind aus südwestlicher Richtung mit Stärken von 6 bis 7 und Böen erwarten. Nachdem wir am 20. Juni nochmals einen Wetterbericht eingeholt hatten (der im Übrigen Böen der Windstärke 10 ankündigte) haben wir gegen 11:00 Uhr, nach Sicherheitseinweisung, bei zunächst noch leichtem Wind aus Westnordwest unter Segel abgelegt. Der erste von mir "angepeilte" Zielhafen war Brekstad am Eingang des Trondheimfjords, rd. 70 Meilen entfernt.

Schon eingangs der Trondsheimsleia briste es bei rückdrehenden Wind deutlich auf. Die Inseln Smöla und Hitra rauschten nur so an Backbord vorbei, so dass wir schon gegen 21:00 Uhr im Stjörnfjorden standen.. Die Küste hatte bis dahin eine atemberaubende Kulisse geboten, bei guter Sicht und ständig wechselndem Licht "Norwegen wie aus dem Bilderbuch".

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Der Wind nahm beständig zu und angesichts der erneut bestätigten Wettervorhersage habe ich die Absicht Brekstad anzulaufen, aufgegeben. Die Wetterlage erschien günstig um rasch das Seegebiet um Bodö erreichen zu können und dort gegebenenfalls noch eine Zeit in den Fjorden zu segeln.

So kreuzten wir dann mit Generalkurs 310° (bei nun natürlich (!) westlichem Wind) südlich der kleinen Felseninsel Krakvagoya in Richtung offene See und gingen schließlich am frühen Morgen des 21.06.2006 - Mittsommer – auf Nordostkurs. Die Inselgruppe um Risöya und Sauöya blieben an Backbord. Husöya wurde bei achterlichem Wind nördlich passiert.

Wie vorhergesagt nahm der Wind bis auf 7 bis 8 aus Südwest zu. Bei dieser Wetterlage kam eine Annäherung an die Küste nicht in Frage. Es unterblieb auch die Durchfahrt durch den Vegafjord auf der Linie der Hurtigruten und auch die Inseln Dönna und die kleinen Schären im Tränfjord blieben rund 20 Meilen in Lee.

ANITA lief unter Sturmfock und Besan die gesamte Strecke auf Steuerbordbug fast kontinuierlich mit einer Geschwindigkeit zwischen 6 und 10 Knoten bei einer Welle von 4 bis 5 Metern, vereinzelt sicherlich noch 2 bis 3 Meter höher. Ganz trocken blieb es an Deck nicht, und die Seekrankheit hat uns auch nicht völlig verschont… Ein von Backbord achtern einsteigender Brecher hat dabei die Steuerbordpersenning am Unterliek beschädigt (Ringösen ausgerissen). Am Nachmittag des 22.06.2006 (Donnerstag) standen wir am Eingang des Saltfjorden und konnten problemlos bei inzwischen leicht abflauendem Wind in den riesigen Hafen von Bodö einlaufen. Wir haben dort an der südlichen, stadtseitig gelegenen Berufspier (große Autoreifen) nach Anlegen unter Segel festgemacht.

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Der Tidenhub in Bodö beträgt rund 3,5 m und neben langen Festmachern muss dort sorgfältig auf die Fender geachtet werden, da diese sich leicht unter den Autoreifen (die stark mit Seepocken bewachsen sind und dementsprechend wie Schmirgelpapier scheuern) festhängen. Bei Niedrigwasser kann an dieser Pier die ANITA nur mit Beiboot verlassen werden.

Wir hatten bereits beim Einlaufen mit dem Hafenmeister in Bodö ( Kanal 12) Kontakt aufgenommen und diese hatte uns freigestellt, selbst zu entscheiden, wo wir festmachen. Am Morgen nach dem Einlaufen erschien der Hafenmeister am Schiff und bot uns sehr freundlich und hilfsbereit an, mit dem Schiff an einen etwa 1 ½ Kabellängen östlich gelegenen Schwimmsteg zu verholen, so geschah es auch nach dem Frühstück; wir haben die Anita mittels Leinen, um zwei niederländische Touristensegler herum, zu diesem Steg geführt. Dieser Steg bot ideale Bedingungen (ca. 70 cm hoch, kleine Autoreifen, Strom- und Wasseranschluss). Der Sanitärbereich des örtlichen Yachtclubs, der sehr modern und großzügig ausgestattet ist, allerdings nur zwei Duschen aufweist, liegt ca. 15 Gehminuten entfernt an der südwestlichen Seite des Hafens.

Die gesamte Crew nahm danach den Linienbus vom am Hafen gelegenen Busbahnhof zu dem "Saltstraumen". Hier, ca. 30 km vom Zentrum Bodös entfernt, steht der vielleicht stärkste Gezeitenstrom der Welt. Das in Bodö hierzu erhältlich Informationsblatt gibt Stromgeschwindigkeiten von bis zu 20 Knoten an. Über den Saltstraumen führt eine Straßenbrücke, von der aus das Spektakel wunderbar beobachtet und fotografiert werden kann – ein sehr lohnender Ausflug -!